Bewertung des Buches
„Beobachtende und messende Mikroskopie in der Materialkunde
Ein Leitfaden für die Praxis “
von Martin Kern, Dr. Jörg Trempler
erschienen im Brünne-Verlag, Berlin, 2007

 

In der allgemeinen Praxis wird unter Mikroskopie die optische oder Licht-Mikroskopie (im Unterschied zu den speziellen Techniken der Elektronenmikroskopie) verstanden, auf die sich auch das vorliegende Werk bezieht.

Für den praktischen Anwender werden alle erforderlichen Tätigkeiten der Mikroskopie von der Probenauswahl, Präparation und Untersuchungstechnik bis zur Auswertung der mikroskopischen Aufnahmen sehr ausführlich und detailliert beschrieben und mit typischen Beispielen illustriert. Die erschöpfende Darstellung aller wesentlichen Arbeitsschritte ist dem Ziel untergeordnet, die mikroskopischen Techniken optimal und für die jeweilige Aufgabenstellung mit maximalem Erfolg einzuordnen.

Das Werk verzichtet ganz bewusst auf die Darstellung der optischen und wissenschaftlichen Grundlagen der Mikroskopie, auf die nur in dem für das Dargestellte in unverzichtbarer Kürze hingewiesen wird, um von den praktischen Handhabungen nicht abzulenken. Schon in dieser generellen Gestaltung zeigt sich die jahrelange Erfahrung eines Mikroskopikers , der es sehr gut versteht, auf die in der Praxis wichtigen Aspekte einzugehen. Nach einigen einleitenden Worten zur historischen Entwicklung der Mikroskopie werden die Grundsätze jedes mikroskopischen Arbeitens genannt. Aufbauend auf dem neuesten Stand der Mikroskopie soll die jeweilige Aufgabenstellung oder das Problem so effektiv wie möglich gelöst werden.

Dementsprechend wird dem Problemkreis der Probennahme, -vorbereitung und Präparation im Kap. 4 ein breiter Raum gewidmet. Entsprechend ihrer praktischen Bedeutung wird auf einige Präparationsschritte besonders ausführlich eingegangen, zu denen die Herstellung von An- und Dünnschliffen sowie An- und Dünnschnitten gehören. Es erfolgt nicht nur eine lückenlose Beschreibung der vielfältigen einzelnen Schritte bei den unterschiedlichen praktischen Problemen, sondern es erfolgen auch Hinweise auf Fehler, Gefahren und besondere Probleme bei der Präparation, d.h. auf die zahlreichen „Stolpersteine“, die ein optimales Resultat schon von vornherein erschweren. Ausführlich wird auf die Mikrotomie eingegangen, wobei auch die Ultramikrotomie für die Transmissions-Elektronenmikroskopie erwähnt wird. Alle Arbeitsschritte sind nachvollziehbar erklärt und durch ein reiches Bildmaterial erläutert. Sehr informativ sind auch die übersichtlichen Tabellen zu häufigen Fehlern, deren Ursachen und Behebung.

Das folgende Kap. 5 widmet sich nach einleitenden Bemerkungen zu Aufklärung und Kontrastarten den verschiedenen Techniken und Typen der Mikroskopie. Hierbei werden die einzelnen Bausteine der Mikroskopie von der Beleuchtung über Filter, Objektive, Okulare bis zum Fotoausgang insbesondere auch hinsichtlich ihrer Auswirkung auf das mikroskopisch zu ermittelnde Bild ausführlich diskutiert. Ergänzend werden weitere mikroskopische Verfahren wie Mikrohärteprüfung und Heiztischmikroskopie genannt.

Ein sehr breiter Raum ist auch dem dritten Schwerpunkt, der quantitativen Bestimmung optischer Daten und ihrer Korrelation zu Werkstoffeigenschaften im Kap. 6 gewidmet. Hierbei geht es insbesondere um die Bestimmung der Brechzahl und der Anisotropie optischer Eigenschaften mit zahlreichen Beispielen aus dem Bereich der Kunststoffe. Gerade auf diesem Gebiet lassen sich vielfältige Einflüsse der Herstellung und der Morphologie von Kunststoffen mit optischen Messungen darstellen. Die optische Ermittlung von Mikrohärteeindrücken nach verschiedenen Methoden und deren Fehlermöglichkeiten nehmen einen breiten Raum ein.

Die nachfolgenden Kapitel 7 und 8 widmen sich der Aufzeichnung der mikroskopischen Bilder mit klassischen (Fotographie) und aktuellen Methoden (Digitalkameras) sowie der Bildverarbeitung und Bildspeicherung. Der abschließende Anhang diskutiert näher weitere Möglichkeiten zur optischen Vermessung von Kunststoffen, insbesondere von Sphärolithen. Daran schließt sich ein Literaturverzeichnis relevanter Arbeiten sortiert nach Präparationsverfahren, Mikroskopie, quantitativer Bildbestimmung und Dokumentationen an.

Das Buch schließt mit einem Lexikon zu Fachbegriffen der Mikroskopie und zwei praktischen Untersuchungsbeispielen an Kunststoffen. Alle Darstellungen in diesem Leitfaden zur Mikroskopie lassen eine jahrelange praktische Erfahrung der Verfasser erkennen, die sachkundige und detaillierte Anleitungen zum Handeln vermitteln. Die klaren Formulierungen werden durch Beispiele aus dem Bereich der Werkstoffwissenschaften mit Schwerpunkt bei den Kunststoffen unterstützt. Auch der mit der Mikroskopie vertraute Spezialist liest das Buch mit Gewinn. Das Buch ist klar strukturiert und folgt den praktischen Schritten bei mikroskopischen Analysen von Werkstoffen. Trotz der Fülle an Informationen geht der Überblick nie verloren. Hinsichtlich Qualität und Vollständigkeit der Inhalte bleiben keine Wünsche offen.

Das Buch wendet sich an alle in Industrie und in der Forschung, die beruflich mit mikroskopischen Aufgaben betraut und routinemäßig mit auf der Mikroskopie basierenden Werkstoffanalysen beschäftigt sind oder nur nach der geeigneten Methode für die Anfertigung mikroskopischer Aufnahmen suchen. Auch Studenten naturwissenschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Richtungen profitieren von den einfachen, klaren Darstellungen. Ein Buch, das vom Praktiker für den Praktiker geschrieben ist und das in hohem Maße den Anspruch erfüllt, „Leitfaden für die Praxis“ zu sein.

 

16. Dezember 2008

Prof. Dr. G.H. Michler
Martin-Luther Universität Halle Wittenberg
Institut für Physik
Fachgruppe: Allgemeine Werkstoffwissenschaften